Der alte Kontinent und seine vielen Sprachen. Versuch, den Begriff der ‘sprachlichen Bildung’ europäisch zu denken.

Publicatie datum: 1996-01-01
Auteur: Hubert Ivo
Collectie: 14
Volume: 14
Nummer: 3
Pagina’s: 7-25
hubert ivo der alte kontinent und seine vielen sprachen versuch den begriff der sprachlichen bildung europaisch zu denken ubersicht 1 europaisch zu viele erinnerungen zu viele sprachen 2 vom universellen latein zur vielfalt vernakularer schrifitsprachen die menschheitsgeschichtliche bedeutung dieses europaischen wegs 3 im schatten von nationalismus und imperialismus nach der schoa gogolins monolingualer habitus 4 zwei verschiedene arten sprachen zu studieren erstens eine besondere fiir den gebrauch 5 zwei verschiedene arten sprachen zu studieren zweitens eine allgemeine fiir die einsicht conspectus 1 europaee nimiae recordationes nimiae linguae 2 de lingua latina universali usque ad varietatem linguarum vernacularum ad usum scribendi viae europaeae gravitas historiae generis humani 3 in umbra nationalismi et imperialismi post schoa gogolin monolingualer habitus 4 duo modi linguas studendi primum proprius ad usum 5 duo modi linguas studendi deinde communis ad scientiam survey 1 european too many memories too many languages 2 from the unity of universal latin to the diversity of written vernacular languages the significant impact of the european way on the history of mankind 3 in the shadow of nationalism and imperialism after the shoa gogolin s monolingualer habitus 4 two ways of studying languages first in a utilitarian sense understandig speaking writing 5 two ways of studying languages secondly in a more general sense understanding the linguistic character of thought spiegel 14 1996 nr 3 7 25 1 europaisch zu viele erinnerungen zu viele sprachen der ausdruck alter kontinent mag an goethes sprichwortlich gewordenen gedicht anfang erinnern amerika du hast es besser als unser kontinent das alte warum hat es der neue kontinent besser weil wie goethe sagt amerika nicht von verfallenen schlossern nicht durch unnutzes erinnern von seiner lebendigen zeit abgelenkt wird europa dagegen schleppt zu viele erinnerungen mit sich herum und sperrt seine menschen sprachlich ins krahwinklige da doch alles ins grobe und weite terrestrische globale ja ins universale drangt viele sprachen das meint zu viele sprachen wie mit diesem zuviel an sprachen fertig werden als probate losungswege gelten eine einzelne sprache wird als allgemeines oder als ein fachliches verstandigungsmittel genutzt und die sprecher sollen zwei oder mehrsprachig werden beide losungswege konnen offensichtlich nicht beiiebig weit ausgeschritten werden die sprecher konnen nicht beiiebig viel lebenszeit zum erlernen fremder sprachen nutzen es sei denn sie machten vielsprachigkeit zu ihrem beruf polyglottie kann aber nicht der vorrangig ausgeubte beruf der menschheit sein weil dann nicht zu sehen ist wie die zungenfertigen die sich auf diesem weg herangebilden etwas zu beiben haben werden aber auch der andere weg stobt schon bald auf barrieren es hat den anschein als wollten menschen von ihren angestammten sprachen in aller regel partout nicht lassen woher kommt eine solche beharrlichkeit solche hartnackigkeit die aller sprach planerischen phantasie hohn spricht erwachst die loyalitat gegenuber der sprache in der einer aufwachst aus dem wesen des menschen ist sie also ein anthropinon oder ist das ein erbe aus der fruhzeit menschlicher evolution oder konnen wir historische faktoren ausmachen die unsere sozialcharaktere so ausgepragt haben dab wir unserem fortschreiten auf die eine menschheit hin selber im wege stehen von der beantwortung dieser fragen hangt offensichtlich die bestimmung dessen was als sprachliche bildung verstanden werden soll wesentlich ab haben wir es mit einem relikt aus der fruhgeschichte des homo sapiens zu tun oder gar nur mit einer historisch erklarbaren borniertheit mubte die loyalitat gegenuber der ersten sprache kritisch zersetzt werden wird die verschiedenheit der menschlichen sprache aber als ein anthropinon aufgefabt so mub sie auch auf ihren anthropologischen sinn hin befragt werden versuchen wir uns dem problem von der europaischen geschichte her zu nahern so finden wir in einer passage der einleitung zur enzyklopadie einen neu zeitlichen wendepunkt markiert der autor d alembert thematisiert in dieser 8 passage 1759 einerseits europaische latiniteit und andererseits europaische sprachenvielfalt er tut dies zu einem zeitpunkt in dem die gewohnheit heute alles in der volkssprache zu schreiben beginnt sich in europa allgemein durch zusetzen sein situationsbericht bringt das problem auf den punkt die franzosische sprache war an die stelle des lateinischen als allgemeines wissen schaftliches verstandigungsmittel getreten die gelehrten anderer nationen glauben nun in ihren eigenen sprachen noch besser schreiben zu konnen als in der franzosischen was steht also bevor noch vor ende des 18 jahrhunderts wird ein philosoph wenn er sich uber die entdeckungen seiner vorganger grundlich unterrichten will zur belastung seines gedschtnisses mit sieben oder acht verschiedenen sprachen verurteilt sein und nachdem er mit deren erlernung die kostbarste zeit seines lebens vertan hat wird er vor dem beginn seiner eigent lichen forschungsarbeit sterben 2 wie bewertet d alembert einer der ersten vertreter des philosophischen positivismus diesen wandel er ist durchaus gespalten die verwendung der lateinischen sprache in der wissenschaft wiirde von grobtem vorteil sein konnen eine wiederherstellung des alten brauches ware also erstrebenswert wenn auch keine hoffnung darauf besteht doch zugleich schatzt er die entwicklung europaischer volkssprachen zu schriftsprachen positiv ein diese wertung kommt in der lapidaren formulierung auf den punkt die lateinische sprache auf kiinst lerischem gebiet zu gebrauchen sei lacherlich 3 damit sind zwei domeinen des sprachgebrauchs genannt wissenschaft und kunst die erste domane bedarf nur einer allgemeinen und auf vereinbarung beruhenden sprache 4 die zweite domane dagegen bedarf einer sprache die ihre bezeich nungskraft nicht primar aus der formlichen ubereinkunft von sprechern gewinnt sondern aus dem eigenleben einer sprache d alembert klassifiziert somit die menschliche rede in eine solche in der sich die sprecher von der bezeichnungs kraft einer sprache also von der bezeichnungskraft des schon gesprochenen tragen lassen und in eine andere in der sie als die jeweiligen sprecher autonom sprachzeichen setzen im sinne der ersten klasse menschlicher rede fragen wir welche vorstellungen einstellungen und gefiihle angeregt werden wenn im deutschen z b die worter sprache oder sprechen gebraucht werden was wir horen wenn wir in einer rede den satz vernehmen das charakteristische des menschen sei es ein sprechendes wesen zu sein im sinne der zweiten klasse dagegen legt einer noam chomsky fest fr om now on i will consider a language to be a set of sentences each finite in length and constructed out of a fmite set of elements 5 diese klassifikation der menschlichen rede hat in der ausgestaltung europaischer sprachenvielfalt einen entwicklungsgeschichtlich bestimmbaren platz in der ausgestaltung europaischer sprachenvielfalt was meint dieser ausdruck 9 2 vom universellen latein zur vielfalt vernakularer schriftsprachen die menschheitsgeschichtliche bedeutung des europaischen weges der ausdruck verweist auf die ereignisse und ereignisfolgen die die europaische geschichte als eine solche einleiten auf den niedergang des romischen reiches und die wandernden volkerscharen die in der schonen formulierung josef fleckensteins6 dieses reich und seine kultur beerben indem sie sozusagen in seine bzw ihre schule gehen diese lernkonstellation ist idealtypisch gesprochen zweifach bestimmt mundlichkeitskulturen treffen auf eine schriftlichkeitskultur und ethnozentristische auf universalistische orientierungen wenn also uber lange zeit in europa das lateinische die sprache des rechts und des kults der philosophie bzw der wissenschaft und der poesie ist so ist dies keine auberlich keit die in der zufalligkeit eines sprachlautes grundet der auch ein ganz anderer hatte sein konnen mit der lateinischen artikulation wird vielmehr die in raum und zeit ausgreifende dimension der schriftlichkeit gewonnen und die vorstellung von einer ordnung die das jeweilige hier und jetzt ubersteigt also von einer weltordnung angeeignet diese ordnung hat einen namen sie heifot pax romana das signum der europaischen geschichte das sie von ihren anfangen her tragt ist das des ubergangs vom partikularen vom ethnozentristischen hin zum universalen nur wenig zeitversetzt beginnt aber in europa ein prozeb der in gewisser weise ein gegenlaufiger ist namlich die eigenen die volkssprachen zu schriftsprachen zu entwickeln dieser prozeb setzt in den regionen europas zu verschiedenen zeiten ein und kommt auch in unterschiedlichen zeiten zu einem abschluo insgesamt dauert er ein volles jahrtausend die sprachenvielfalt die entsteht ist eine schrift sprachlich gewordener volkssprachen in eben diesem sinn versteht sich die formulierung von der ausgestaltung europaischer sprachenvielfalt der ausdruck verweist also nicht auf sprachliche varietaten uberhaupt sondern nur auf diejenigen sprachvarientaten die schriftsprachlich geworden sind welche bedeutung hat dieser prozeb fur die formung der europaischen kuituren gehabt und welche hat er noch heute wenn wir die verschriftlichung einer sprache nur technisch verstehen den buchstaben als ein zeichen eines zeichens werden wir uns mit diesen fragen nicht lange aufhalten beziehen wir uns auf den mit der schriftlichkeit eroffneten erweiterten kommunikationsradius konnen wir ihnen schon eher ein interesse abgewinnen obwohl es ja auffallig ist dao der ubergang von lateinischer zu volks sprachlicher schriftlichkeit diesen radius sprachenintern erweitert zwischen sprachlich aber erheblich einengt stellen wir dagegen heraus dab mit der schriftlichkeit vergleichs und reflexionsmoglichkeiten entstehen die wenn sie genutzt werden schube in der menschlichen evolution erzeugen so wird offen kundig dafi diese fragen fur die bildung des menschengeschlechts von hochster wichtigkeit sind 10 etwas von der geistigen atmosphare in der sich dieser prozeb zur volkssprach lichen schrifitlichkeit hin vollzieht sei an zwei beispielen angedeutet 1 der frankische monch otfried von weibenburg beschliebt den abschnitt seines evangelienbuches von 871 in dem er begrundet warum er das buch theodisce gedichtet hat mit der aufforderung nun mogen sich alle daruber freuen dab wir von christus gesungen haben in unserer sprache und auch das erlebt haben dab wir ihn auf frankisch gepriesen haben nu freuuen sih es alle thaz uuir kriste sungun in unsera zungun ioh wir ouh thaz gilegetun in frenkisgon nam lobotun 7 dab es sich nicht urn etwas beilaufiges handelt das evangelium in frankischer sprache zu dichten ist offenkundig dennoch bedarf dies einer besonderen aufmerksamkeit denn der frohgemute ton grundet nicht wie wir in spatauf klarerischen zeiten zu vermuten geneigt sein konnten darin dab nun das evangelium unter den franken heimisch zu werden vermag sondern darin dab gott theodisce gelobt wird es ist als seien damit die franken vor gott mundig geworden als bedurften sie nun keiner fremden zunge mehr die fur sie spricht 2 dante hat mit der schrift das gastmahl ii convivio die er in den beiden ersten dekaden des 14 jahrhunderts verfabt haben mub den ubergang zur volks sprachlichen schriftlichkeit gleich in dreifacher hinsicht markiert er tragt philosophie volkssprachlich vor kommentiert diese volkssprachlich und begrundet volkssprachlich warum er dies in italienischer volkssprache und nicht lateinisch tut dab nun volkssprachlich nach weisheit gesucht und geforscht werden kann labt so dante eine neue sonne aufgehen wo die alte untergeht 8 die volks sprachen als die neuen sonnen bringen licht dorthin wohin die alte sonne des lateinischen nicht zu scheinen vermochte dies ist moglich weil die volkssprache allen menschen nahe ist dem menschen ist das nachste stuck erde das worauf er wohnt mit ihm ist er darum auch mehr verbunden so ist auch die muttersprache lo volgare jedem das nachste weil er mit ihr verbunden ist sie ganz allein ist fruher als alles andere im geiste 5 volkssprache ist also essentiell wesentlich mit dem menschen verbunden ja sie ist in gewisser hinsicht sogar existenzbegrundend denn sie war das verbindungsglied meiner eltern insofern ist sie bei meiner zeugung mitbeteiligt und so mitursache meines seins 10 und schlieblich verbindet sie ihn mit den nachsten angehorigen mit den eigenen burgern und mit dem eigenen volke 11 11 es ist darum auch kein zufall dab dante die volkssprache die eigene sprache propria loquela12 nennt es macht nun die besonderheit der europaischen kulturenvielfalt aus dab die individuierung der volkssprachlich bestimmten kuituren im rahmen eines universellen menschheitskonzeptes vonstatten geht dab aber das universelle nicht dadurch zur geltung gebracht wird dab die wie humboldt es spater sagen wird individualitaten als teile eines ganzen aufgefabt und behandelt also logisch subsumiert und praktisch inkorporiert werden sondern personal gedacht und schlieblich auch politisch so gewollt werden das signum der europaischen geschichte ist also nicht nur das des ubergangs vom partikularen ethnozentristischen zum universalen sondern auch das der etablierung eines personal verstandenen individuationsprinzips rund funfhundert jahre spater bringt wilhelm von humboldt die bedeutung dieser spezifisch europaischen volkssprachenentwicklung fur die menschliche kultur evolution auf den punkt indem er sie als eine wichtige ja vielleicht als die wichtigste phase im entwicklungsgang der sprachen begreift die entsprechende passage aus der abhandlung von 1828 ueber die verschiedenheit des mensch lichen sprachbaues 3 enthalt in knapper form die wohl umfassendste und schlussigste deutung des europaischen prozesses der ausgestaltung der volks sprachen zu schrifitsprachen beginnend mit einer pointierten auslegung der evolutionaren bedeutung von schriftlichkeit und endend mit dem verweis auf eine erscheinung die der neueren zeit aufbehalten war auf das gleichzeitige bestehen der literaturen mehrerer hochgebildeter nationen neben einander dasjenige worauf dieser verweis zielt ist in dem paradox anmutenden satz festgehalten die sprachen trennen allerdings die nationen aber nur um sie auf eine tiefere und schonere weise wieder inniger zu verbinden 14 warum nimmt humboldt eine instanz an die zwischen dem einzelnen menschen und der menschheit eine vermittelnde funktion hat auf die nicht verzichtet werden kann warum mussen menschen erst nach nationen getrennt werden um sich dann auf schonere und tiefere weise inniger zu verbinden was macht das schonere und tiefere der verbindung aus die antwort auf diese fragen ist mit dem verweis auf das personal verstandene individuationsprinzip das in der europaischen geschichte zur geltung gebracht wird schon vorbereitet so wie der einzelne mensch insofern er person ist nicht als element oder organ eines ubergeordneten ganzen also als baustein oder als funktion begriffen werden kann so konnen auch die sozietaten die fur sein personales sein wesentlich sind nicht nach art einer elemente oder organmetapher gedacht werden welche sozialform ist fur das personale sein wesentlich nach humboldt ist es eine die sowohl der psycho physischen natur des menschen als auch seinen existentialen bedingungen denen seines anfangens und aufhorens seiner natalitat und seiner mortalitat rechnung tragt nimmt man das psalmisten wort von dem menschlichen leben das siebzig jahre wahrt metonymisch fur alles was die 12 conditio humana ausmacht so labt sich nachvollziehen warum humboldt in der nation eine notwendige zwischenstufe zwischen dem einzelnen menschen und der menschheit erkennt nation ist idealtypisch deflniert als sprachbildender menschenhaufen 5 eine sprache aber verbindet einen menschen der sein leben beginnt mit allem in dieser sprache schon gesprochenen und ermoglicht ihm damit in der spanne seiner zeit ein menschengerechtes leben insofern sie ihn entlastet ihm orientierung sichert und ihm zugleich doch den freiraum fur eigene entscheidungen eroffnet denn sie ist nur anwesend gegenwartig oder wie wir meist sagen lebendig insofern sie gesprochen wird sie bedarf also der sprecher und eben darum beherrscht sie den sprechenden nicht determiniert ihn nicht tangiert seine freiheit in keiner weise die nation als ein sprachbildender menschenhaufen wie humboldt sie denkt ist auf jeden fall grober als alle sozialformen die sich der biologie des menschen verdanken weil die ftir die bildung und ausbildung einer sprache notwendige mannigfaltigkeit von individualitaeten 6 durch die bande blosser famitien verwandtschaft 7 nicht gewahrleistet ist die fur die bildung und ausbildung einer sprache notwendige mannigfaltigkeit hat aber ihr mab darin einem menschen einerseits mittels der weltansicht der sprache 18 eine orientierung zu geben insofern sie ihn in spezifischer weise welt zufiihrt und formen der wechselrede bereithalt ihm aber andererseits auch einen wirklichen neuanfang ermoglicht kamen in einer sprache nur wenige individualitaten zur geltung mubte der konformitatsdruck fur den einzelnen so grob werden dab ein wirklicher neuanfang erschwert oder gar unmoglich wurde die nation als sprachbildender menschenhaufen ist aber immer deutlich kleiner als die menschheit uberhaupt weil deren mannigfaltigkeit viel zu grob ist so dab die im gesellschaftlichen verkehr in sprache gefabten erfahrungen und wunsche disparat bleiben sich mithin nicht zur ordnung nicht zum kosmos einer weltansicht bilden konnen also die orientieren de leistung einer sprache erschwert oder unmoglich wird mit diesen uberlegungen fiihrt humboldt einen gedanken weiter der in der ersten umfassenden theorie europsischer volkssprachlichkeit von dante entwickelt worden ist in seiner schrift uber die monarchie begrundet dante warum es notwendig ist dab es in der menschlichen gattung eine vielfalt geben mub das vernunftige vermogen der menschheit kann weder durch einen einzelnen menschen noch von einer spezifischen gemeinschaft verwirklicht werden dies geschieht nur wenn die vielfalt zusammenwirkt damit aber die vielfalt zusammenwirken kann mub allgemeiner friede herrschen den aber garantiert nur die zeitliche monarchie also die herrschaft eines einzigen uber alle anderen regierungen in der zeit 19 dante lost das friedensproblem unter den menschheits geschichtlichen bedingungen seiner zeit noch macht und autoritatsbestimmt noch ganz im sinne einer pax romana 13 auch humboldt denkt den begriff einer pax universalis er spricht von der wohlwollend menschlichen verbindung des ganzen geschlechts sie vollzieht sich als ineinanderwirken hochgebildeter nationen 20 die als hochgebildete schon in jeder hinsicht sprachverstandige nationen 21 sind in den ausdruck sprachverstandige nationen flieftt alles ein was humboldt als welt und dialog konstituierende leistungen menschlicher sprachen aufgewiesen hat sprach verstandig bezeichnet jene qualitat die zum kernbestand dessen gehort was ein europaisches verstandnis sprachlicher bildung ausmacht um die sprachlichkeit der jeweiligen kultur zu wissen und das heirt um ihr eigene unverwechselbare einmalige physiognomie zu wissen es heifit aber auch um das bezogen auf das menschengeschlecht fragmentarische aller individualitaten zu wissen was das menschengeschlecht insgesamt aber ausmacht erfahren wir nur wenn die individualitaten fragmentarisch wie sie sind in einen austausch untereinander treten wenn sie dialogisch miteinander verkehren wenn sie ineinanderwirken der friede der sich auf diese weise herstellt beruht nicht auf macht grundet nicht in einer hierarchischen ordnung sondern in der logik der menschlichen rede also im dialog er ist keiner nach art der pax romana sondern ist pax ratione locutionis 3 im schatten von nationalismus und imperialismus nach der schoa gogolins monolingualer habitus diese an universalitat individualitat und dialogizitat orientierte deutung europaischer vielsprachigkeit ist ob der bitteren erfahrungen des 19 und 20 jahrhunderts den beiden nationalstaatlichen jahrhunderten europas verdrangt oder in mibkredit geraten und vergessen worden darum ist fur uns heute die pervertierung sprachverstandiger nationalitat offenkundiger als diese selbst darum verbinden wir mit dem audruck nationalitat nicht mundigkeitsstreben sondern aggressive abgrenzung vom anderen nicht dialogisch bestimmtes wechselverstandnis sondern streben nach suprematie nicht das interesse am anderen sondern dessen abwertung nicht den rednerisch ausgetragenen streit um beste losungen und den rednerisch gesuchten ausgleich sondern entscheidung durch vernichtungs kriege das volkssprachlich bestimmte europa hat sich vorbereitet durch ereignisse und prozesse im letzten in diesem jahrhundert abgewendet von dem gesetz nach dem es angetreten es hat in den formulierungen humboldts die uns vielleicht angesichts des schreckens der noch im kollektiven gedachtnis wahrt harmlos klingen mogen die freiheit und eigenthumlichkeit der nationen gewaltsam unzart oder gleichgultig behandelt 22 es ist aber das harmlos klingen ein indiz fur das ausmali der pervertierungen die die deutung europaischer vielsprachigkeit in 14 diesem zeitalter der extreme 23 erfahren hat in der nuchternen sprache einer verstehenstheorie die fiir den begriff der sprachlichen bildung wesentlich ist haben diese pervertierungen mit einer der beiden fehlformen des verstehens zu tun die humboldt wie folgt beschreibt und von einer aufgeklarten annaherung an das problem der differenz absetzt sprache kann auch nicht gleichsam wie etwas korperliches fertig erfasst werden der empfangende mub sie in eine form giessen die er fiir sie bereitet halt und das ist es was man verstehen nennt nun zwangt er entweder die fremde in die form der seinigen hinuber oder versetzt sich mit recht voller und lebendiger kenntnis jener ausgerustet ganz in die ansicht dessen dem sie einheimisch ist die lichtvolle erkenntnis der verschiedenheit erfordert etwas drittes namlich ungeschwscht gleich zeitiges bewusstsein der eigenen und der fremden sprachform 24 welch eine herausforderung an die bildung der subjekte die sich aus der europaischen volkssprachlichkeit ergibt eine fahigkeit auszubilden die eigene und die fremde sprachform gleichzeitig bewufit halten zu konnen welches ausmab an pervertierung wenn von der fahigkeit des verstehens nur die erste fehlform bleibt namlich fremdes ins eigene zu zwangen diese fehlform aber in grausiger konsequenz zuende gebracht wird indem was als fremd gelten soll willentlich und absichtsvoll definiert dann aus dem verstehensprozeb ausgeschieden und schlieglich auch physisch eliminiert wird es gehort sicher zu den beklemmensten erfahrungen die in der auseinander setzung mit diesen pervertierungen gemacht werden mubten dab gerade die engagierte bekampfung ihrer folgen die kompromiolose sorge ihr fortdauern oder ihre wiederkehr zu verhindern dem bekampften perspektivisch in spezifischer weise verhaftet bleibt hatten die nationalistischen imperialistischen und nationalsozialistischen verkehrungen das europaische volkssprachenkonzept um seine universalisierende und individuierende orientierung sowie um seine dialogische methodik gebracht so wird mit der abwehr solcher verkehrungen diese tilgung noch einmal beglaubigt wenn die pervertierung mit dem pervertierten ineins gesetzt wird ingrid gogolin geht in ihrer studie der monolinguale habitus in der multilingualen schule von einem axiom aus das dies unmioverstandlich zeigt der sinn der einst im nationalen lag ist welt geschichtlich uberholt 25 von welchem sinn ist die rede unmoglich kann damit die weltgeschichtliche abstandigkeit der versuche verkundet sein menschen in ihrer jeweiligkeit geltung zu verschaffen und diese geltung kulturell und politisch rechtlich zu verankern unmoglich kann die weltgeschichtliche abstandigkeit der methode universalitat dialogisch statt subsumierend und inkorporierend gewinnen zu wollen suggeriert sein mit dem kerygmatischen satz der sinn der einst im nationalen lag ist weltgeschichtlich uberholt kann wohl nur gemeint sein da 3 die nationalstaatliche pervertierung des volkssprachegedankens obsolet geworden sei 15 da gogolin aber nicht eine pervertierte vorstellung von nationalitat zuruckweist sondern diese uberhaupt kommt es zur gleichsetzung der perversion mit dem pervert ierten wie ist es moglich dab diese gleichsetzung als eine solche nicht offenkundig wird zwei eigentumlichkeiten der argumentation gogolins machen dies moglich 1 die spezifisch sprachliche fundierung europaischer nationalitat wie ich sie mit den verweisen auf otfried dante und humboldt in erinnerung gebracht habe bleibt im toten winkel 2 die sprachliche dimension wird in die erziehungs soziologische begriffsbildung als eine quantitative eingefiihrt die sprachliche fundierung europaischer nationalitat gerat in den toten winkel indem ein bildungssoziologisches einschatzungsurteil an den anfang der argumentation gesetzt wird das nationenkonzept hatte seine fortschrittlichen momente insofern bildung den vorrang der geburt und des besitzes uberwinden sollte es verliert diese progressiven impulse im verlauf des 19 jahrhunderts insofern es nun zur stabilisierung gesellschaftlicher zustande beitragt derselbe begriffliche rahmen bestimmt auch die gegenwartsanalyse und die politische handlungsanleitung die gogolin aus dieser analyse extrahiert staats und sprach zugehorigkeit sind in der gegenwart an die stelle des alten standesprivilegs im bildungswesen getreten die handlungsanweisung fur die deutsche schulpolitik lautet darum die modernisierung der deutschen schule bemibt sich daran inwieweit die deutsche schule in gleicher weise lernort fur deutsche und nicht deutsche kinder zu werden vermag 26 insofern gogolin die abkehr von den nationalistischen pervertierungen betreibt verfolgt sie deren historischen ursachen soweit zuruck als zu deren erhellung notwendig ist namlich bis zum beginn der entwicklung von nationalstaaten gegen ende des 18 jahrhunderts so verstandlich diese zasur von ihren motiven her gesehen ist so abschneidend ist sie aber auch im hinblick auf dasjenige was sich in europa ansatzweise bis zu diesem zeitpunkt hin schon herausgebildet hat sprachverstandige nationalitat und so berechtigt ein solches abschneiden aus forschungspraktischen grunden auch sein mag ftir ein konzept das bildungs politische handlungsperspektiven aufzeigen will mu 3 dies in einer situation bedenklich sein in der wie eric hobsbawm es formuliert die meisten jungen menschen in einer art permanenter gegenwart aufwachsen der jegliche organische verbindung zur vergangenheit ihrer eigenen lebenszeit fehlt in der die auflosung der alten sozial und beziehungsstrukturen hand in hand mit dem zerbersten der bindeglieder zwischen den generationen zwischen vergangenheit und gegenwart also einhergeht 27 die innere verbundenheit derjenigen prozesse in denen der einzelene mensch als subjekt auf eine bis dahin nicht gekannte weise im denken und handeln zur geltung gebracht wird mit der entwicklung europaischer volkssprachen zu schrifitsprachen die menschheitsgeschichtliche orientierung dieser prozesse und schlieblich deren versohnung mit der conditio 16 humana sie alle geraten in den toten winkel dab dies nicht vorrangig eine frage der historischen gerechtigkeit ist eine frage die ende dieses jahrhunderts ja wohl kaum zu den offentlichen gewissensfragen gehort sondern fur die gegenwartsanalyse von unmittelbarer relevanz ist zeigt sich darin wie gogolin den begriff der sprachbildung in ihren erziehungssoziologisch bereiteten boden pflanzt die dimension des sprachlichen gewinnt gogolin im wesentlichen quantitativ indem sie ein und mehrsprachigkeit unterscheidet schon die wertung des fruhen nationalismus als fortschrittlich leitet sie aus der verteilung von mehr und einsprachigkeit her die gebildeten und besitzenden stande benutzten mehrere sprachen den ubrigen alltag bestimmten die jeweils regional geitenden mundarten zusammen mit dem abbau der bildungs und besitzprivilegien ging dann die entwicklung eines verstandnisses von einheitlicher kultur und sprache als gemeinsamem verbindenden besitz der zur nation zusammengefuhrten menschen 28 einher dieses verstandnis faftt sie in anlehnung an bourdieu als eine wahrnehmungs deutungs und handlungsmatrix als einen habitus auf der dann im hinblick auf seinen gehalt monolingualer habitus genannt wird seine hervorstechendsten merkmale sind die abwehr und die abwertung von zwei sprachigkeit wenn sich nun fur gogolin nachweisen lalit dal3 ein solch monolingualer habitus noch heute verbreitet ist so steht die bewertung eines solchen phanomens von vorneherein sozialhistorisch fest seinem inhalt nach handelt es sich um ein konzept das weltgeschichtlich dysfunktional geworden ist seiner form nach um ein syndrom das sich der strukturellen trsgheit der institution schule 29 verdankt obwohl also sprachenvielfalt gegenstand ihrer untersuchung ist hat gogolin die verschiedenheit des menschlichen sprachbaus sprachtheoretisch nicht thematisiert wie ist das moglich indem sie mit einem sprachverstandnis operiert das sprache als behaltnis geistiger gehalte vorstellt die behaltnis vorstellung von sprache wirkt fur uns so suggestiv weil sie sich in alltagssituationen in denen wir sie verwenden namlich zur bewaltigung kommunikativer storungen immer wieder als brauchbar erweist es kann aber nicht zweifelhaft sein dali diese vorstellung von sprache nicht zureichend ist wenn es darum geht einen begriff von der anthropo logischen funktion menschlicher sprachenvielfalt zu gewinnen hierzu bedarf es offenbar einer theoretischen anstrengung diese mufi folgendes leisten sie mub eine position wie sie z b von hannah ahrendt vertreten wird theoretisch verdeutlichen oder sie als irrational als gemurmel erweisen konnen hannah arendt antwortet in einem interview auf die frage von gunter gaus was denn aus der vorhitlerzeit geblieben sei 17 hannah arendt geblieben ist die sprache gunter gaus und das bedeutet viel fiir sie hannah arendt sehr viel ich habe immer bewubt abgelehnt die mutter sprache zu verlieren es ist ein ungeheuerer unterschied zwischen muttersprache und einer anderen sprache bei mir kann ich das furchtbar einfach sagen lm deutschen kenne ich einen ziemlich groben teil deutscher gedichte auswendig die bewegen sich da immer irgendwie im hinterkopf in the back of my mind das ist naturlich nie wieder zu erreichen lm deutschen erlaube ich mir dinge die ich mir im englischen nicht erlauben wurde die deutsche sprache jedenfalls ist das wesentliche was geblieben ist und was ich auch bewubt immer gehalten habe gunter gaus auch in der bittersten zeit hannah arendt immer es gibt keinen ersatz fur die muttersprache man kann die muttersprache vergessen das ist wahr ich habe es gesehen diese leute sprechen die fremde sprache besser als ich ich spreche immer noch mit einem fremden akzent und ich spreche oft nicht idiomatisch das konnen die alle aber es wird eine sprache in der ein klischee das andere jagt weil namlich die produktivitat die man in der eigenen sprache hat abgeschnitten wurde als man die sprache vergab 30 es ist unschwer zu sehen dab sich in arendts charakterisierungen der mutter sprache wesentliche elemente der volkssprachentheorien dantes und humboldts wiederfinden die differenz zu einem sprachverstandnis das sich an der behaltnis vorstellung orientiert liegt offen da in der vorstellung sprache sei ein behaltnis erscheint sprache nur in einer hinsicht funktional namlich sinn bedeutung von a nach b zu transportieren in der vorstellung die sich in der tradition europaischer volkssprachlichkeit herausgebildet hat ist die sprache dagegen und zwar die jeweils besondere menschliche sprache das japanische portugiesische schwedische oder tschechische an der formung von sinn von bedeutung selbst beteiligt 4 zwei verschiedene arten sprachen zu studieren erstens eine besondere fur den gebrauch ein begriff von sprachbildung der dieser tatsache rechnung tragt ist offenkundig zweifach bestimmt von den kommunikativen anforderungen die sich unter den bedingungen von sprachenvielfalt stellen und von den reflexiven anforderungen die sich stellen wenn die exegese menschlicher sprachenvielfalt zu einem zentralen bildungsthema wird humboldt unterscheidet darum nachdrucklich zwei durchaus verschiedene arten die sprachen zu studiren er nennt sie eine besondre fur den gebrauch des verstehens redens und schreibens und eine allgemeine fur die einsicht in die sprachen ihren zusammenhang und ihren einfluss auf den menschlichen geist uberhaupt 31 18 sprachliche bildung die als besondere auf den gebrauch des verstehens redens und schreibens zielt hat von einem praktischen interesse geleitet ihren grund und ihren zweck in der mannigfaltigkeit menschlicher sprachen die mannigfaltig keit der menschlichen sprachen bringt sich im einzelnen sprecher aber immer zweifach zur geltung innerhalb der sprache die er als seine eigene erfahrt und versteht propria loquela wie sie dante muttersprache wie wir sie nennen und in der differenz der eigenen zu anderen fremden sprachen m a w die rede von einem einsprachigen menschen enthalt eine abstraktion sie sieht von der inneren mehrsprachigkeit des muttersprachlichen sprechers ab die konstruktion eines monolingualen habitus hat eben diese abstraktion als gedankliches fundament inwiefern kann oder soll die innere mehrsprachigkeit grund und zweck sprach licher bildung sein hierzu wenige anmerkungen fiir die ich beispielhaft das deutsche heranziehe wenn vom deutschen als einer muttersprache die rede ist dann steht der ausdruck das deutsche fur eine vielzahl von varietaten dieser sprache die regional sozial funktional oder historisch definiert sind eine solche innere mehrsprachigkeit der sprecher des deutschen grundet in der fahigkeit derjenigen die das deutsche als ihre muttersprache verstehen reden und schreiben sie wissen um die innere sprachenvielfalt des deutschen sie ordnen worter als veraltet oder als ietzten schrei ein grammatische formen regionen als spezifikum und weisen des redens und schreibens situationen als angemessen oder unangemessen zu ist nun sprachliche bildung im sinne der inneren vielsprachig keit die anstrengung aller ein solches wissen in grofitmoglichem umfang und zur hochst denkbaren gelsufigkeit zu erwerben so gefragt kann die antwort nur lauten gewi 3 nicht warum sollte ein bub in passau wie eine deern in husum snaken lernen quantitativ ist dem problem der sprachlichen bildung nicht beizukommen gibt es also eine ordnung innerhalb der deutschen sprachenvielfalt die kriterien daflir liefert welche varietaten gegenstand besonderer absichtsvoller lernanstrengungen werden sollen die antwort darauf ist ebenso alt wie gelaufig das deutsche als schriftsprache mufi eigens gelernt werden wer dies tut eignet sich damit zugleich eine zweite form des deutschen an insofern die deutsche schriftsprache kernbestand desjenigen deutschen ist das unterschiedliche namen hat literatursprache allgemeine verkehrssprache nationalsprache hochsprache diese antwort bedarf der erlauterung wenn nam ich die deutsche schrift bzw hochsprache als eine varietat des deutschen erscheint gerat sie in eine reihe mit dialekten soziolekten fachsprachen des deutschen sie wird zu einer varietat unter anderen es gibt gewib kriterien die eine solche reihung rechtfertigen aber die rolle die sie in der ausbildung menschlicher sprachlichkeit spielt wird dadurch verdeckt zwei merkmale der schrift bzw hochsprache ein objektives und ein subjektives verweisen auf die spur die zum verstandnis dieser rolle fiihrt 19 alles was von den volkssprachlichen varietaten in die allgemeine verkehrs sprache des deutschen eingeht gerat unter die herrschaft der grammatik als grammatikalisierte sprache wird sie zu einer normierten recht autung grammatische und lexikalische korrektheit sowie ec tfschreibung sind ausdrucke die sinnvoll nur fiir ein grammatikalisiertes deutsch gebraucht werden konnen nur in einem solchen kann man fehler machen die aneignung der grammatikalisierten muttersprache ist ein prozer in dem die eigene sprache in einem strikten sinn ein zweites mal gelernt wird und zwar auf eine grammatische weise menschliche sprachlichkeit ist somit kategorial zweifach bestimmt sie ist metaphorisch geredet gewachsener schnabel locutio naturalis wie dante sie nennt und sie ist das ergebnis grammatischen lemens locutio artificialis die ordnung der inneren viel oder mehrsprachigkeit ist also die dieser kategorialen dualitat sprachliche varietaten sind dagegen eher wie elemente dieser kategorialen dualitat vorzustellen sprachliche bildung als muttersprachliche bildung hat also mit der inneren mannigfaltigkeit der jeweiligen muttersprache zu tun die kategoriale differenz von gewachsenem schnabel und grammatischer intensionalitat erzeugt das spannungsfeld in dem die aufgaben der muttersprachlichen bildung ihre gestalt gewinnen das lernmedium in dem sie sich stellen und bearbeitet werden ist die schrift dal3 schrift und schreiben zentrale themen muttersprachlicher bildung sind und auch sein sollen ist eine allgemein geteilte auffassung dagegen bewegen wir uns intellektuell nicht mehr selbstverstandlich in dem kategorialen rahmen sprachlicher dualitat das hat seinen grund in dem paradigmawechsel der sich in der deutschen sprachwissenschaft zu beginn des 19 jahrhunderts vollzogen hat weg von den aktuellen und praktischen fragen der herausbildung und etablierung einer schriftsprachlichen norm des deutschen und hin zu historisch vergleichenden fragestellungen unter den grunden die zu diesem wechsel fuhren verdient der sprac geschichtliche hervorgehoben zu werden die ausbildung und etablierung der schriftsprachlichen norm des deutschen konnte ende des 18 jahrhunderts als verwirklicht angesehen werden insofern ist es begrundet von einer zasur zu reden die dann vollzogene abkehr der sprachwissenschaft von der gegenwarts sprache war aber nicht zwangslaufig sie hatte durchaus auch freilich unter anderem gesichtspunkt den gegenwartsbezug behalten konnen in humboldts sprachdenken ist ein solcher gesichtspunkt zur geltung gebracht der zweite hauptteil der zitierten abhandlung behandelt explizit die kategorialen verhaltnisse der inneren mannigfaltigkeit der einzelnen sprachen ausfiihrlich wird das verhaltnis der grammatischen norm zu anderen kraften des sprachlebens erortert aber dieser beitrag hat in der humboldt rezeption keine herausragende rolle gespielt 20 so hat es einiger zeit bedurft bis der wissenschaftlichen beschaftigung mit der gegenwartssprache im dienste ihrer grammatikalisierung eine neue orientierung erwuchs sie findet sich uberraschenderweise in einer literaturtheoretischen abhandlung und zwar in der michail m bachtins das wort im roman 32 seine zentraie sprachtheoretische these lautet neben den zentripetalen kraften verlauft die ununterbrochene arbeit der zentrifugalen krafte der sprache neben der verbal ideologischen zentralisierung und vereinheitlichung finden ununterbrochene prozesse der dezentralisierung und differenzierung statt die theoretische beschaftigung mit sprache ist in europa aber im zuge der zentralisierenden tendenzen des sprachlichen lebens entstanden deren kategorie einer einheit lichen sprache ist der theoretische ausdruck der historischen prozesse sprachlicher vereinheitlichung und zentralisierung ein ausdruck der zentripetalen krafte der sprache dies erklart auch warum sie im wesentlichen nur zwei pole des sprachlichen lebens kennt das system der einheitlichen sprache und das individuum das diese sprache spricht aus dem bliek gerat dabei die dialogisierte redevielfalt die die zentrifugalen krafte der sprache verkorpern ja das dialogische prinzip der sprache 33 bachtins these korrigiert das verbreitete verstandnis von der geschichte der europaischen sprachwissenschaft sie uberwindet die polemische zasur der sprachdiskurse nach der sprachwissenschaft erst mit der historisch vergleichenden methode beginnt 5 zwei arten sprachen zu studieren zweitens eine allgemeine fur die einsicht dafi sich sprachliche bildung in der zweiten der allgemeinen art sprachen zu studieren vollendet ist ein gedanke der aus humboldts theorie der ausbildung menschlicher sprachlichkeit logisch folgt aus einer theorie die die europaische besonderheit namlich die ablosung des lateinischen durch schriftsprachlich gewordene volkssprachen als einen schritt in der evolution menschlicher kultur deutet was diesen schritt der jahrhunderte lang durch welthistorische begeben heiten vorbereitet worden ist ausmacht ist die tatsache dab ein schopferisches miteinander mundig gewordener kuituren eben dadurch in den bereich des moglichen geruckt ist dab sich diese kuituren als eigenstandige freilich im horizont der alten lateinischen universalitat tatsachlich herausgebildet haben als indikator solcher mundigkeit und eigenstandigkeit sieht humboldt an das gleichzeitige bestehen der literaturen mehrerer hochgebildeter nationen neben einander der ausdruck neben einander schliebt tatsachliche oder gewollte suprematie und hegenomie aus er verweist auf eine andere ordnung auf die wechselseitiger anerkennung die dann schlielmich auch ein ineinanderwirken hochgebildeter nationen ermoglicht wie ist ein solches ineinanderwirken aufzufassen drei anmerkungen zu dieser in der deutschen bildungssprache eher seltenen wortbildung 21 1 der bildgehalt des wortes verweist auf ein tatigkeitsein das das mannheimer stilworterbuch als einer in den anderen als in sich gegenseitig umschreibt jurgen trabant34 hat gezeigt dab das an der sexuellen vereinigung entwickelte modell der erkenntnis ftir humboldts sprachdenken pragend gewesen ist ausgehend von den wie kant sagt zwei stammen der menschlichen erkenntnis sinnlichkeit und verstand die in der synthesis der einbildungskraft miteinander verbunden werden findet humboldt in der zeugungskraft diejenige kraft die der spontaneitat und rezeptivitat zugrundeliegt als zeugungskraft aber mub sie sich urn uberhaupt wirken zu konnen in zwei verschieden ausgerichtete krafte aufspalten in die mannliche selbsttatigkeit und die weibliche empfanglich keit der wort ineinanderwirken gewinnt in diesem kontext seine ausdruckskraft es macht nun aber die pointe dieses modells aus dab humboldt die rezeptivitat nicht wie kant als blobe empfanglichkeit auffabt denn dann ware sie ja auch keine halbierte zeugungskraft sondern nur affiziert werden nur durchdrungen werden blobe penetration sie ist fiir ihn vielmehr ein entgegen wirken sprache so fabt trabant diese grunduberzeugung humboldts zusammen ist als sublimierte zeugungskraft cteer zeugungskraft und schlieblich in ihrer vollendeten synthese uber ein stimmungs kraft 35 2 an welche bedingungen ist ein ineinanderwirken von nationen geknupfit humboldt nennt als eine bedingung das gleichzeitige bestehen der literaturen neben einander als literaturen waren von ihm zuvor schrift werke definiert worden die durch ihren gedanken und empfindungswerth zu bleibenden werken geworden sind warum ist im nebeneinander philosophischer und poetischer werke mehrerer nationen die bedingung fur ihr ineinanderwirken zu sehen weil poetische und philosophische sprachwerke in ihrem gedanken und empfindungswerth kein letztes wort kennen als machtwort ist ein solches der menschlichen sprache ebenso enthoben wie ein gottliches wort das eine wie das andere beendet den diskurs auf den diskurs und damit auf toleranz zu setzen aber macht im kern aus was erbe europaischer volkssprachlichkeit genannt zu werden verdient 3 es gehort nun gerade zu den eigenarten der volkssprachlich bestimmten kuituren europas dab sie in sich eine ordnung ausgebildet haben die solches tolerieren ermoglicht diese ordnung ist gewib auch eine rechtsordnung ihr inneres leben aber gewinnt sie in diskursen die es ermoglichen den gehalt dieser ordnung unter sich wandelnden historischen verhaltnissen immer neu zu vergewissern dies geschieht in diskursen die sich in den philosophischen und poetischen schriftwerken und in solchen uber sie ereignen dem philosophischen diskurs wird seit dem 18 jahrhundert vor allem eine kritische funktion zugeschrieben insofern er metaphysische wahrheitsanspruche als anspruche der vernunft in frage stellt der poetische diskurs bringt die kontingenten bedingungen menschlichen daseins narrativ und besprechend zur geltung indem er sie im pseudos einer imaginierten nur sprachlich gegebenen welt darstellt wird 22 der diskurs von dem druck der unmittelbar praktischen lebensprobleme entlastet ohne dabei die ernsthaftigkeit seines themas zu relativieren dal3 nationen solche diskurse flihren macht sie zu sprach verstand igen nationen macht die verhalt nisse zwischen ihnen zu sprachverstandiger inter nationalitat sprachverstandig keit erweist sich somit als der schlusselbegriff europaischer volkssprachlichkeit und als das bestimmende merkmal sprachlicher bildung die in ihr grundet der weg in die geschichte der europaischen volkssprachenentwicklung hat vielleicht deutlich werden lassen dafi unser kontinent der alte in mancher hinsicht zu wenig erinnerungen hat oder pflegt er hat auch erklart warum diese volkssprachenentwicklung uns heute vorrangig im lichte der nationalistischen imperialistischen und nationalsozialistischen pervertierungen in den bliek kommt so unabdingbar es ist da 3 diese im kollektiven gedachtnis bleiben so revisions bedurftig ist ein urteilen das mit der zuruckweisung der perversionen das pervertierte noch einmal vernichtet eine bildung die sich im angedeuteten sinn als sprachbildung versteht ist in der antike gegrundet die die voraussetzungen fur die europaische entwicklung bereitstellte der satz des antisthenes aus dem 4 vorchristlichen jahrhundert der anfang der erziehung ist das achthaben auf die worter 36 mag in erinnerung gerufen werden die spezifisch europaische ausdeutung dieses satzes hat den weg zur uberwindung der semantik historisch politischer gegenbegriffe gewiesen hellenen barbaren heiden christen menschen unmenschen37 sie hat damit dem begriff der sprachbildung seine menschheitsgeschichtliche bedeutung erschlossen noten 1 im verlauf der untersuchung wird die bedeutung der lateinischen sprache fur die ausgestaltung der nationalen kuituren europas hervorgehoben indem ich die ankundigung der gedankenwege nicht nur in der konferenzsprache deutsch und in der als lingua franca fungierenden englischen sprache sondern auch lateinisch voranstelle erweise ich der sprache in der europa gelernt hat sich selbst zu finden meine reverenz vortrag gehalten im rahmen des symposions deutschdidaktik in berlin am 18 9 1996 2 jean le rond dalembert einleitung zur entyklopadie herg von g mensching frankfurt m 1989 s 85 86 3 a a o 4 a a o 5 noam chomsky syntactic structures 1957 s 13 6 josef fleckenstein grundlagen und beginn der deutschen geschichte gottingen 1980 s 58 7 helmut de boor herg mittelalter texte und zeugnisse 2 teilband munchen 1965 s 984 985 und s 928 929 8 dante alighieri das gastmahl ubersetzt und kommentiert von c sauter munchen 1965 s 47 dante alighieri ii convivio opera di dante volume vi firenze 1957 s 85 86 23 9 a a o s 44 s 77 78 10 a a o s 46 s 83 diese uns fur fruhe denkweisen typisch erscheinende argumenta tion findet im fragment gesprache uber liebe im mann ohne eigenschaften von robert musil ein gegenwartiges echo der mensch recht eigentlich das sprechende tier ist das einzige das auch zur fortpflanzung der gesprache bedarf und nicht nur weil er ohnehin spricht tut er es auch dabei sondern anscheinend ist seine liebselig keit mit seiner redseligkeit im wesen verbunden und das so tief geheimnisvoll dao es fast an die alten gemahnt nach deren philosophie gott menschen und dinge aus dem logos entstanden sind worunter sie abwechselnd den heiligen geist die vernunft und das reden verstanden haben band 2 aus dem nachlab reinbeck 1981 s 1219 11 a a o s 44 s 77 78 12 a a o s 38 s 61 13 wilhelm von humboldt gesammelte schriften berlin 1968 band vi s 123 124 14 humboldt vi s 123 15 humboldt vii s 171 16 humboldt vi s 195 17 a a o 18 den institutionellen gesichtspunkt einer solchen orientierung und entlastung sichernden ordnung hebt gellner hervor der die heraufkunft des modernen nationalismus in einem bedarf das staatswesen und die kultur einander anzupassen begrundet sieht 57 der schwer zu fassende begriff der kultur bleibt dabei zunachst undefiniert aber ein zumindest behelfsvveise akzeptables kriterium der kultur konnte die sprache sein als eine jedensfalls hinreichende wenn nicht sogar notwendige voraussetzung nehmen wir fur einen augenblick die moglichkeit an eine verschiedenheit der sprachen habe eine verschiedenheit der kuituren zur folge 69 70 daraus leitet gellner eine kriterium fur die mindetsgrobe eines nationsstaates her er mud in der lage sein ein nationales erziehungssystem auszubilden ein solches entspricht einer pyramide an der basis liegen die grundschulen mit lehrern die an hoheren schulen ausgebildet werden diese sind mit lehrern besetzt die an universitaten ausgebildet wurden die ihrerseits von den produkten der eliteschulen gefuhrt werden eine solche pyramide bietet das kriterium fur die mindestgrobe einer lebensfahigen politischen einheit kleiner konnen einheiten nicht sein 56 dieses kriterium labt sich durchaus als eine institutionsgeschichtliche verdeutlichung von humboldts verweis lesen dab eine sprache nicht in biologisch bestimmten sozialgroben gebildet oder gar ausgebildet werden kann sie komt mit humboldts evolutionarer deutung des entwicklungsgangs menschlicher sprachlichkeit auch insofern uberein als das erziehungssystem im sinne gellners in dem ideal allgemeiner schriftkundigkeit grundet 47 arbeit ist im industriellen zeitalter nicht langer die manipulation von dingen sondern von bedeutungen und so wird zum ersten mal in der menschlichen geschichte die explizite und angemessen prazise kommunikation allgemein uberall gebrauchlich und wichtig 54 das hat zur folge praktisch jeder wird jetzt schriftkundig und kommuniziert in einem elaborierten code in expliziten einigermaben grammatischen regelgerechten satzen nicht mehr in kontextgebundenem grunzen und nicken 79 80 das eingeftihrte kriterium fur die mindestgrobe macht auch die schwache des nationalismus deutlich es gibt immer mehr anwarter in form von gesprochenen sprachen als platze 69 ff dab es auch obergrenzen fur diese politischen einheiten gibt scheint gellner anzunehmen er geht 24 aber der frage nach deren bestimmung nicht nach 56 ernest gellner nationalismus und moderne berlin 1991 hannah arendts politologische herleitung der annahme dab ein einheitlicher weltstaat notwendig ein totalitarer sein musse kame der positiven wertung der vielsprachigkeit des menschengeschlechts im sinne humboldts nahe insofern sie von einem inneren zusammenhang von natalitat reden und handeln ausgeht hannah arendt vita activa oder vom tatigen leben munchen 1967 19 dante aligieri monarchia stuttgart 1989 l iii 8 i iv 2 i ii 2 20 humboldt vi s 115 und 125 21 humboldt vi s 193 22 humboldt vi s 115 23 so der titel der weltgeschichte des 20 jahrhunderts von eric hobsbawn munchen 1994 24 humboldt vi s 121 122 25 ingrid gogolin sprachliche und kulturelle vielfalt in den schulen europas in andreas paula herg mehrsprachigkeit in europa klagenfurt 1995 s 40 26 ingrid gogolin der monolinguale habitus in der multilingualen schule munster 1994 s 36 37 27 hobsbawm 1994 s 17 und 31 28 gogolin 1994 s 37 29 a a o s 8 u a 30 gunter gaus interview mit hannah arendt was bleibt es bleibt die muttersprache in eingriffe jahrbuch fur gesellschaftskritische umtriebe herg von klaus bittermann berlin 1988 s 20 das interview wurde am 28 oktober 1964 im zdf gesendet 31 humboldt iv s 250 251 32 michail bachtin die asthetik des wortes herg von rainer grubel frankfurt 1979 33 a a o s 162 167 34 wilhelm von humboldt uber sprache herg und erlautert von jurgen irabant munchen 1985 35 a a o s 164 166 36 zur sprachdidaktischen situierung siehe hubert ivo muttersprache identitat nation opladen 1994 s 275 ff 37 reinhardt koselleck vergangene zukunft frankfurt m 1979 s 211 ff 25